Je weiter der Roman voranschreitet, desto klarer wird es mir, dass Aerios‘ Geschichte unmöglich in einem einzigen Buch erzählt werden kann. Mit und mit offenbart sich ein relativ komplexer Hintergrund und ich frage mich, ob der Meister der Masken nicht mehr Raum erhalten wird als geplant.

Das erscheint seltsam, wenn man ihn nur als Nebenfigur kennengelernt hat, die mehr oder weniger die Rolle eines halben Schurken gespielt hat. Hinter seiner Fassade ist aber so viel mehr zu finden als nur ein Halbgott, der eben lebensmüde ist. Mittlerweile ist relativ klar, dass er in keiner Weise verrückt ist. Ebenso wenig ist er – trotz manchmal fragwürdiger Methoden – ein Schurke. Wobei hier klar sein muss, dass diese Ansicht von Neah und Rhydan stammt, die ihn eben in diesem Licht gesehen haben. Von außen betrachtet sieht er anders aus, als wenn man in ihn hineinsieht. Das Buch hat eine seltsame Richtung eingeschlagen, anders als ich es mir gedacht hätte. Natürlich wird es ein „richtiges“ Ende erhalten. Wenn dieses Buch fertig ist, ist diese Geschichte erzählt. Allerdings ist Aerios‘ Reise damit nicht zwangsläufig zu Ende.

Wo die Geschichten von Rhydan und Neah, Ben und Viola eigentlich abgeschlossen waren und nicht fortgesetzt werden müssen, steckt hier noch eine andere Geschichte, die erzählt werden möchte. Ich sehe die ersten Szenen vor mir, Teile des Schauplatzes. Vielleicht einen dickeren Roman, der weniger in Richtung Romantic Fantasy tendiert, sondern eher epischer angelegt ist. Der Stoff wäre vorhanden, die Welt ist da – sie bräuchte nur endlich eine Karte und einige Überlegungen mehr. Es reizt mich, in eine andere Richtung zu gehen und neue Facetten von Asmoria freizulegen. Ob das wirklich passiert – ich weiß es nicht. Es gibt noch andere Geschichten in meinem Kopf, die gerne da raus wollen und welche letztlich das Rennen macht, wird die Zeit zeigen. Trotzdem … es nagt … und nagt … und nagt.

Geschichten sind gemein. Es ist nicht allein die Tatsache, dass sie sich in ungeahnte Richtungen bewegen und ihren Autor vor unerwartete Herausforderungen stellen. Nein, manchmal sind es auch die offensichtlichen Kleinigkeiten, die sich beim Schreiben ergeben. Ein Satz und da stehen sie – unangenehme Wahrheiten und Entdeckungen. Sie stören die Geschichte, die man im Kopf hat, weil sie alles über den Haufen werfen. Man hat sie nicht bedacht, man hat sie nicht Kommen sehen, aber sie besitzen eine widerwärtige Logik, der man sich schlecht entziehen kann.

Die Versuchung, diese Sätze und ihre Folgen zu ignorieren, ist groß. Sie stören schließlich den Verlauf, den man sich vorgestellt. Aber wenn man das tut, gibt es ein weitaus größeres Problem – die Logiklücke. Und noch schlimmer – der handelnde Charakter übersieht mal so eben Dinge, die auf der Hand liegen, weil sie dem Autor nicht in den Kram passen. Das Ergebnis sieht man immer wieder – wie oft wird in Büchern ein nicht nachvollziehbares Verhalten bemängelt? Die Tatsache, dass Charaktere durch den Roman stolpern und dämlich agieren, weil sie das Offensichtliche völlig ignorieren? Sehr, sehr oft. Es ist ein typisches Resultat, wenn man die Geschichte stur in die Richtung zwingt, in die sie von allein eigentlich nicht gehen kann.

Natürlich kann es passieren, dass man selbst diese Dinge beim Schreiben übersieht. Aber wenn sie auftauchen, muss man leider den Hintern in der Hose haben und sie akzeptieren. Selbst wenn es dann schrecklich ungemütlich wird.

Ich bin gerade eben auf eine solche Stelle gestoßen. Es ist unangenehm, weil es im Moment wirklich an allen Ecken und Enden hakt. Sylveine hat viel zu früh eine Entdeckung gemacht, die eigentlich noch ein paar Kapitelchen in der Zukunft liegen sollte. Das verändert vieles. Ich ringe seit drei Tagen mit dem gleichen Kapitel und trete auf der Stelle, weil ich nicht ermessen kann, wie extrem die Folgen ausfallen. Trotzdem – wenn ich das Offensichtliche jetzt ignoriere und sie dazu zwinge, es nicht zu sehen, wird es unglaubwürdig.

Ich hasse es. Ich würde lieber die Augen davor verschließen und so tun, als ob es diese Entwicklung nicht gäbe. Als ob sie nicht logisch wäre. Aber dann … käme wohl wenig Sinnvolles dabei heraus. Also muss ich irgendwie durch und diese Reise nehmen, wie sie ist. Das Offensichtliche akzeptieren. Einfach ist es nicht.

Theoretisch hätte ich es wohl kaum anders erwarten dürfen. Ein Buch, in dem Aerios eine der tragenden Rollen spielt, kann nur eigensinnig sein. Ich kann machen, was ich will. Ich „plane“ in eine Richtung (soweit ich jemals wirklich plane), das Buch geht beim Schreiben in eine andere. Ich versuche, es wieder auf Kurs zu bringen und es geht wieder in die andere Richtung. Die Geschichte ist offenbar stärker als ich – sie tut schlicht und ergreifend, was sie will.

In einem gewissen Maß war das auch bei den anderen Büchern so, dass sie mal eine andere Abzweigung genommen haben als angedacht. Diesmal ist es aber sehr extrem ausgeprägt. Ich kann nur staunend hinterher stolpern und weiß am Morgen nicht, was ich zum Feierabend wirklich darin vorfinden werde. Entsprechend gehe ich jeden Tag mit einem gewissen Respekt und einer großen Portion Neugier an die Arbeit.

Wenn ich mich denn mal dazu überredet habe, loszuschreiben, läuft es meistens von ganz allein. An vielen Tagen gelingt es mir, eine recht hohe Seitenanzahl zu absolvieren, was an sich nichts Schlechtes ist. Oft läuft Angst dabei mit – das mulmige Gefühl, nicht zu wissen, wo man anfangen soll, auch, die falsche Abzweigung zu wählen. Man kann es mit der Angst vor dem weißen Blatt vergleichen, die in der Malerei keine Seltenheit ist. Es ist also täglich die Angst vor dem ersten Wort. Ist diese aber überwunden, geht alles voran.

Mein größtes Problem bleibt weiterhin der Spannungsbogen. Ich kann unmöglich entscheiden, ob der Verlauf spannend ist oder nicht. Da ich im Normalfall eine grobe Vorstellung davon habe, wie das alles enden wird und welche Zwischenstationen angelaufen werden müssen, kann ich selbst nicht erkennen, ob Spannung vorhanden ist. Das ist bei jedem Buch der Faktor, der für mich am schwierigsten ist. Darüber wird am Ende der Leser entscheiden müssen.

Bis dahin lasse ich mich über die Seiten treiben wie ein Blatt im Wind. Die Geschichte entscheidet selbst über ihren Verlauf und ich lasse sie mehr oder weniger laufen. Inzwischen verzichte ich sogar weitgehend auf Notizen und sehe einfach dabei zu, wie jeden Tag etwas Neues entsteht, mit dem ich zu Beginn wohl nie gerechnet hätte.